Politische Eckdaten aus der Gründungszeit

 

Mit Abschaffung der Monarchie im Jahre 1918 wurde u.a. eine grundlegende Änderung des Wahlrechts auf Reichtags-, Landtags-, Kreistags- und Gemeindeebene vorgenommen. Dazu gehörten die Abschaffung der Urwahl, des Dreiklassenwahlrechts etc. Auf Gemeindeebene wurde mit gleichgewichtiger Stimme der Gemeindeausschuss gewählt.

 

In Scheeßel bestand der Gemeindeausschuss aus 14 Mitgliedern. Als Vertreter des Gemeindevorstehers wurden aus der Mitte des Gemeindeausschusses der 1. und 2. Beigeordnete gewählt. Das Geschäftszimmer befand sich damals im Hause des Müllermeisters Heinrich Müller, Zevener Straße. Im Gründungsjahr 1920 war der Rechtskandidat und Kommunalvolontär Eduard Wolff, Berlin-Buchholz, zum hauptamtlichen Gemeindevorsteher für sechs Jahre gewählt worden. Aus dienstlichen Gründen beendete er seine Amtszeit bereits 1921.

 

Der Gemeindevorsteher erledigte alle Verwaltungsangelegenheiten. Die Wahlen auf Gemeindeebene waren mehr oder weniger reine Persönlichkeitswahlen. Die Bezeichnung „Bürgermeister“ gibt es erst seit 1935. Zu unserer Gründungszeit waren folgende Parteien in unserer Gegend vorherrschend:

-         Deutschnationale Volkspartei

-         Deutsch-Hannoversche Partei

-         Deutsch-Demokratische Partei

-         Sozialdemokratische Partei

 

In unsere nunmehr 82jährigen Vereinsgeschichte von 1920 bis heute hatte Scheeßel folgende Bürgermeister/ Gemeindevorsteher:

 

1920 – 1921 Eduard Wolff (hauptamtlich)

1921 – 1922 Fritz Heitmann (hauptamtlich)

1922 – 1924 Julius Schüler (hauptamtlich)

1924 – 1931 Ernst Ohloff (hauptamtlich)

1931 – 1933 Christian Sühling

1933 – 1945 Wilhelm Schröder

1945 – 1946 Christian Sühling

1946 – 1964 Johann Bünning

1964 – 1972 Friedrich Ruschmeyer

1972 – 1976 Walter Spiering

1976 – 1990 Fritz Bellmann

1990- 2001 Hans-Heinrich Miesner

seit 2001 Käthe Dittmer-Scheele (hauptamtlich)

 

Im Jahr vor unserer Vereinsgründung fand eine Gemeindeausschuss-Wahl in Scheeßel statt. Zur Wahl lud der Wahlvorsteher und damalige Gemeindevorsteher Friedrich Meyer wie folgt ein:

 

„Die Wahl von 14 Gemeindeausschussmitgliedern findet am  Sonntag, den 26. Oktober 1919 in der Zeit von 12.00 Uhr mittags bis 6.00 Uhr nachmittags im Stahmleder´schen Lokal hierselbst. Die Ermittlung des Wahlergebnisses schließt sich unmittelbar dem Wahlakt an.“

 

Besonders interessant waren die Berufsbezeichnungen hinter den Wahlvorschlägen. Heute gibt es davon nur noch die wenigsten. Hier einige Beispiele: Anbauer, Neubauer, Postschaffner, Rottenführer, Bahnwärter, Weichensteller und Kürschner.

 

In den Gemeindeausschuss wurden gewählt:

-         L. Müller (Mühlenbesitzer)

-         H. Gerken (Halbhöfner)

-         Fr. Meyer (Kötner)

-         H. Meyer (Tischlermeister)

-         Diedrich Meinke (Postschaffner)

-         Fritz Dittmer (Bahnarbeiter)

-         C.-H. Rodewald (Architekt)

-         Heinrich Behrens (Lohgerber)

-         Heinrich Fehling (Schneidermeister)

-         Heinrich Holst (Zimmermann)

-         Adolf Pajunk (Bahnarbeiter)

-         Wilhelm Holst (Zimmermann)

-         Friedrich Meyer (Gastwirt) und

-         Fritz Mahnke (Briefträger).

 

 

Gründung und Absplitterung vom TV Scheeßel

 

Den Namen „Rot-Weiß Scheeßel“ hat unser Verein nicht schon seit seiner Gründung am 18. April 1920. Seinerzeit gehörte man noch dem heutigen TV Scheeßel an, der sich damals noch M.T.V. Scheeßel nannte. Aus ihm entsprang der heutige SV Rot-Weiß Scheeßel. Denn zunächst bildeten die Fußballer eine Abteilung des M.T.V. Scheeßel. Einige Eckdaten aus den ersten Jahren sind noch aus alten Protokollen des heutigen TV Scheeßel und einem alten Protokollbuch von „Spiel und Sport“ zu ersehen.

 

So steht im Protokoll vom 10. April 1920:

 

III. Es soll in die Scheeßeler Zeitung eine Bekanntmachung aufgenommen werden, dass die Sport- und Spielfreunde sich am kommenden Sonntag von 1.00 bis 3.00 Uhr nachm. auf dem Schulhofe zwecks Gründung einer Spielabteilung einfinden mögen.

 

Dies muss der 18. April 1920 gewesen sein, denn das ist der offizielle Gründungstag von Rot-Weiß Scheeßel.

 

Aus dem Protokoll des M.T.V. vom 2. April 1921 geht folgendes hervor:

 

Zur neugegründeten Spielabteilung werden als Ausschuss gewählt: Otto Schülermann als Schiedsrichter, Erich Müller als Stellvertreter für den Schiedsrichter, Süding als Kassierer, Fr. Meinke als Schriftführer. Es wird beschlossen bei Wettspielen ein Eintrittsgeld von 50 Pfg. zu erheben.

 

Aus dem Sitzungsprotokoll vom 20. August 1921:

 

III. Als Spielobmann wird O. Schülermann gewählt, Vertreter Erich Müller. Kassierer: Ad. Meyer. Schriftführer: Fr. Meinke. Die Kasse der Abteilung ist von jetzt ab unabhängig vom Turnverein. Alle Fragen regelt die Abteilung selbstständig. Nur die Generalversammlungen fallen zusammen.

 

Interessant ist der Auszug aus dem Protokoll der Generalversammlung vom 25. Januar 1922, in der auch die Generalversammlung des M.T.V. Scheeßel der Eigenständigkeit der Spielabteilung zustimmt:

 

IV. Fußball-Angelegenheit: Lt. Generalversammlungsbeschluss ist die Sport-Abt. keine Abteilung des M.T.V. durch selbständige Abhaltung einer Generalversammlung. Es hat eine Verrechnung durch die beiderseitigen Kassierer stattzufinden.

 

Ist das nun bereits die Absplitterung vom M.T.V. Scheeßel? Nein, zunächst bleibt die Spielabteilung noch drei Jahre vom M.T.V. angeschlossen. Das geht aus zwei Quellen klar hervor. In einer Zusammenfassung der Vereinsgeschichte zum 30. Jahrestag von Rot-Weiß Scheeßel schreibt der Verfasser:

 

Die in den zwanziger Jahren immer wieder auftretenden Kompetenz-

Schwierigkeiten zwischen Turnern und Sportlern endeten schließlich am 17. Januar 1925 mit der Trennung der Fußballer vom Turnverein. Sie gingen fortan unter dem Namen „Spiel und Sport von 1920“ ihren weitreichenden Plänen nach.

 

Noch deutlicher und interessanter steht es im Protokollbuch von Spiel und Sport. Zu der Generalversammlung am 17. Januar 1925 ist folgendes notiert:

 

Zu Sonnabend den 17.1.25 war von einigen Mitgliedern der Fußballabteilung des M.T.V. Scheeßel eine Generalversammlung einberufen worden, um wieder Ordnung in der Abtlg. Herzustellen, denn durch das schnöde Zurücktreten des 1. Vorsitzenden H. Kruse war die Abtlg. der Auflösung nahe, es ruhte ja auch jegl. Spielbetrieb... Da wie bekanntlich zwischen dem D.F.B und dem D.T. noch keine Einigung entstanden ist, nimmt auch die Abteilung jetzt auf allgemeinen Wunsch den Namen Spiel und Sport an. Mit Freuden war zu begrüßen das sämtliche Anwesenden gewillt sind ihr Bestens zu tun, um den Verein auf die Höhe zu bringen wie er vor Jahren stand.

 

Das war der endgültige Schritt in die Selbstständigkeit und die Trennung vom M.T.V. Scheeßel. Fortan hielt man seine eigenen Hauptversammlungen ab. Ein neuer Verein war geboren: Spiel und Sport von 1920.

 

Die heutige Bezeichnung „SV Rot-Weiß Scheeßel v. 1920“ stammt aus dem Jahr 1946. Aus der Zusammenfassung zum 30. Jahrestag: Die heutige Bezeichnung „SV Rot-Weiß Scheeßel“ datiert aus dem Januar des Jahres 1946, als sich der Verein nach den Wirren des Krieges neu etablierte.

 

Dieses wurde durch den Bericht eines Zeitzeugen von damals bestätigt. Das heute noch anhängende Kürzel „e.V.“ (eingetragener Verein) kam dann im Jahre 1956 dazu, als es sich der Verein endlich leisten konnte, ins Vereinsregister eingetragen zu werden. Beschlossen wurde die Eintragung bereits in der Jahreshauptversammlung 1952. Doch finanzielle Probleme verzögerten den Eintrag bis 1956.

 

Die 20er und 30er Jahre

 

Wie der Fußball nach Scheeßel kam

 

Nach Aussagen eins noch lebenden Zeitzeuge, war es wohl Erich Müller, einem Vorbesitzer der Gärtnerei Sohnrey, zu verdanken, dass der Fußball in so frühen Jahren zu uns nach Scheeßel kam.

 

Zunächst wurde im M.T.V. Scheeßel eine eigene Abteilung, die Sport- und Spielabteilung, gegründet. In englischer Kriegsgefangenschaft lernte Erich Müller diesen Sport kennen und lieben. Nach seiner Entlassung brachte er ihn mit hierher. Er kannte die Spielregeln, wusste wie ein Spielfeld aussieht und welche Maße es hatte.

 

Erich Müller kannte die Anzahl der Spieler beider Mannschaften und wusste, dass ein Schiedsrichter zum Spiel gehört.

 

Müller war Mitbegründer der Fußballgeschichte hier in Scheeßel. Er selbst war in den ersten Jahren des Bestehens der Sportabteilung im M.T.V. Scheeßel stellvertretender Schiedsrichter (1921). Noch im gleichen Jahr wurde er stellvertretender Spielobmann.

 

Die Gegner in der Anfangsphase

 

Viele Gegner hatte unsere Mannschaft in der ersten Zeit nach der Gründung nicht. Genauer gesagt waren es zwei Mannschaften, gegen die man antrat. Es waren die Teams aus Lauenbrück und Rotenburg, gegen die regelmäßig gespielt wurde. Mehr Vereine gab es im nahen Umkreis zu der Zeit noch nicht. Überwiegend fanden die Spiele am Samstag statt. Zum Teil liefen die Akteure noch mit alten Militärstiefeln zum Spiel auf.

 

Lediglich an langen Wochenenden, wie z.B. Pfingsten, unternahm man von Zeit zu Zeit etwas weitere Fahrten. Unter anderem ging es dann auch nach Wehldorf, um dort ein Fußballmatch auszutragen. Mit zum Teil geschmückten Pferdewagen ging es auf die Reise.

 

Spielten die Scheeßeler in Rotenburg, war die Straße nach Rotenburg gesäumt von Radfahrern. Es waren Spieler und Schlachtenbummler auf dem Weg zum Spiel, ein heute kaum vorstellbares Bild. Die eigentlichen Meisterschafts- und Pokal-spiele fanden erst später statt.

 

Knabenmannschaften

 

Auch eine Knabenmannschaft hatte der Verein in der Anfangszeit. Diese  spielte häufig gegen eine „Firmenmannschaft“. Es war die Belegschaft von „Bier-Brase“ in der Mühlenstraße (heute Meyer). Und diese Burschen waren fast perfekt ausgestattet. Jedenfalls was die Ausrüstung belangte. Denn sie besaßen die wohl ersten Stollenschuhe hier im Scheeßeler Fußballraum.

 

Zur damaligen Zeit waren auf den Bierflaschen Gummiproppen mit Gewinde. Diese waren bei „Bier-Brase“ natürlich reichlich vorhanden. Die Knaben nahmen die Proppen der leeren Flaschen und nagelten sie sich unter ihre Schuhe. Somit hatten sie Stollen-schuhe und nahezu perfekten Halt bei nassem Wetter. Ein großer Vorteil gegenüber unseren Knaben.

 

Die ersten Vertragsspieler von Spiel und Sport

 

Einige Spieler der Spieler von 1923 sind noch bekannt:

 

Torwart: Winkelmann; Johann Haries, Fritz Haries, Johann Neumann, Friedrich Behrens, Johannes Harmsen, Heinrich Lubrich, Heinrich Brunckhorst, Johann Miesner, Willi Lohmann, Fritz Elmers.

 

Die letzten fünf genannten Spieler wanderten um 1925 nach Amerika aus. Weiterhin gehörten Spieler aus Hamburg-Wandsbeck zur Mannschaft. Diese waren Stern, Groll und Emil (Nachname unbekannt). Einer von ihnen arbeitete auf einem Bauernhof in Scheeßel. Die anderen beiden kamen Samstags extra von Hamburg nach Scheeßel um für Spiel und Sport zu spielen. Für ihren Einsatz bekamen sie Essen und Trinken, und für den Heimweg wurden noch einmal extra Butterbrote mitgegeben. Wenn man so will waren dies tatsächlich die ersten „Vertragsspieler“ von Spiel und Sport.

 

Sportliche Erfolge kamen in den 30er Jahren

 

Nachdem in den Anfangsjahren das Fußballspielen im Verein wirklich nur als Hobby angesehen wurde, gingen ab Ende der 20er Jahre die echten Wettkämpfe um Meisterehren los. Auf dem Platz an der Volksschule sah man spannende und packende Spiele von Spiel und Sport. Zu einem Entscheidungsspiel gegen Osterholz-Scharmbeck kamen 1930 über 3.000 Zuschauer.

 

Überhaupt zogen die großen Schlagerspiele in diesen Jahren ungewöhnlich große Zuschauermassen an. Es herrschte echte Großkampfstimmung auf dem Aschenplatz an der Volksschule. Knüller waren u.a. die Spiele gegen Rotenburg.

 

Was 1931 noch nicht klappen wollt, gelang den Kickern dann endlich im Jahre 1932: Die langersehnte Meisterschaft und der Aufstieg in die Kreisklasse.

 

Wie es ab 1933 mit dem Verein weiterging ist nur sehr lückenhaft bekannt. Die Zeiten waren schlecht. So ist es auch dem Protokollbuch zu entnehmen. In der Generalversammlung am 11. März 1933 stellt der 1. Vorsitzende

 

„den Antrag, infolge der schweren wirtschaftlichen Notlage für das Jahr 1933 keinen Beitrag zu erheben. Es wurde jedoch dieser Antrag abgelehnt und beschlossen, dass arbeitslose Mitglieder beim Vorstand einen Antrag stellen betr. Ermäßigung des Beitrages, im allgemeinen bleibt aber der Beitrag Herren jährlich 3 RM und Jugend jährlich 1,40 RM bestehen.“

 

Das Protokollbuch von Spiel und Sport endet urplötzlich in der Generalversammlung am 6. April 1935, in der Schuhmachermeister Friedrich Behrens zum neuen „Vereinsführer“ gewählt wurde. Diese neue Zeit hatte auch in den Titulierungen der Vorstandsposten Einzug gehalten. Besonders die Aktivitäten hiernach und in den Kriegsjahren konnten kaum ergründet werden. Wie fast überall wurde auch in Scheeßel mit Kriegsbeginn der Spielbetrieb fast völlig eingestellt. Ein schöner Erfolg ist aber noch bekannt: 1941 stand unsere Jugend im Endspiel um die Norddeutsche Jugendmeister-schaft im (oder beim) Bremer Weserstadion. Gegner war der SV Cuxhaven. Das Spiel verloren unsere Kicker mit 1:3.  

 

Wie aus „Spiel und Sport“ der „SV Rot-Weiß Scheeßel“ wurde

 

Es war im Winter 1945/46, als sich einige Fußballer die aus dem Krieg unversehrt zurückgekommen waren, dazu entschlossen, den Fußballverein wieder aufleben zu lassen. Es sollte ein neuer Verein ins Leben gerufen werden.

 

Die Spieler trafen sich bei Stahmleder. Dies waren u.a. Ludwig Stahmleder, Willi Lohmann, Willi Lubrich, Otti Pajunk, Heinrich Lange, Willi Biganski, Ernst Schröder, Heinrich Götze, Kurt (Vati) Binding, Johann Dittmer und Willi Gehring. Sie alle saßen bei Korn und Bier zusammen.

 

Die Stimmung war gut. Wie bereits früher kam man wieder auf die roten Hosen und weiße Hemden zurück. Da kam einem Spieler der entscheidende Gedanke: „Rot-Weiß“ Scheeßel. Und so sollte es dann auch sein. Es blieb dabei, der neue Verein war gegründet. Vielleicht wurde auch an den Ursprung des Vereins, dem M.T.V. Scheeßel, gedacht. Denn die Farben Rot und Weiß stammten urgeschichtlich von den Turnern. Somit ist unser Verein auch heute noch ein klitze-kleines Bisschen mit dem TV Scheeßel verbunden.

 

Die Gründung des neuen Vereins war also in der Gaststätte Stahmleder vollzogen worden. Doch noch existierte der Verein nicht wieder. Zunächst einmal musste er von der britischen Besatzungsmacht genehmigt werden. Doch damit gab es keine Probleme. Der Fußballverein war wieder da. Zum neuen Vereinslokal wurde Stahmleder gewählt.

 

Festzeitung zur Weihnachtsfeier 1946

 

Eines der ältesten Schriftstücke des Vereins, das noch in original vorliegt, ist die Festzeitung zur ersten Weihnachtsfeier von Rot-Weiß Scheeßel nach dem Krieg. In ihr wurden zunächst die sieben Vorstandsmitglieder aufs Korn genommen. Jeder bekam sein Fett weg. Dann ging es weiter mit Gedichten und Reimen, die alle Mitglieder betrafen. Einige Textzeilen wollen wir hier veröffentlichen:

 

„Dieses war die goldene Sieben, die ihr selbst euch habt verschrieben. Vorstand auch genannt. Ja, das waren sieben Mann, über die man munter meckern kann. Jeder so auf seine Weise, der eine laut, und der andere leise. Tanzklub, Sau- und Saufverein, auch so hörte man sie schrein. Ob Weiblein oder Mann, jeder schimpft so laut er kann. Der eine laut und der andere leise, jeder so auf seine Weise. Es ist wie in einer richtigen Demokratie, reden tun sie alle, handeln aber nie. Nun dies kann die Sieben nicht verdrießen, weiter läuft ihr Kram.  Denn einen jedem Recht getan, ist ein Ding, das niemand kann. Die Moral von der Geschicht: Halt das Maul und mecker nicht.“

 

Aus den Nachrichten der Festzeitung:

 

„L. Stahmleder, vor Freude wir taten uns einen trinken, Ludwig schaffte einen Halblinken (Bernhard).“

 

„Biete meine guten Fachkräfte für Hausschlachtungen an. Bin perfekt in Schwarz- und Weißschlachtungen. Bei Witwen wird gleichzeitige Fleischbeschauung vorgenommen. (Heinz Frey)“

 

„Brauche gut gestellte sinnige Witwe, da ich mich sanieren will. (Ernst Rathje, Erwin Krause)“

 

„Suche geeignete Wohnung, die ich als Harem einrichten kann. (Adolf Hass)“

 

Auch die älteren Spieler wurden nicht verschont:

 

„Kleines Bäuchlein, leichte Glatze – Elite-Sportler auf dem Platze. Alte Herren wir sie nennen. Hinter den Köm sie am schnellsten rennen. Doch auch sonst noch sehr beweglich. Ja, Fußballsport ist königlich! Zumal, wenn man bedenkt, dass hinterher ein „Kleiner“ eingeschenkt.“

 

Ebenfalls kam die Damenhandballabteilung nicht ungeschoren davon:

 

„sieht sie übern Platz nur laufen, diesen laschen Weiberhaufen! Einst sie Gustel hat in Schuss, seitdem er weg ist – damit Schluss! Handballhimmels größte Sterne, die Zuschauer sehn sie furchtbar gerne. Doch nur, um an den nackten Waden ihr müdes Auge zu erlaben.“

 

Außerdem:

 

„Was trübt den Blick, was schwächt die Kraft? Die Weiber sind´s und Rübensaft. Gestern noch als stolzer Zecher, schwingend den gefüllten Becher. Heute Pudding in den Knien, müde über den Platz sie ziehen. Und wenn der Brand im Bauche naht, nach Brausemann die Jugend jagt. Die Meckerer sich berufen sehn, auch wenn sie nichts davon verstehn, ihr Mütchen jetzt nur schnell zu kühlen, denn dies goss´ Wasser auf die Mühlen.“

 

Den Abschluss der Festzeitung bildet eine Attacke auf die „Fans“, die Woche für Woche schimpfend wie ein Rohrspatz am Spielfeldrand stehen:

 

„Und sie meckern kreuz und quer, wie es Brauch von Alters her. Die Biertischkoritchen wir am Platz nicht gerne sehn, denn die, die wirklich was verstehen, ratgebend nach guten Spielen sehen, man hört sie nicht vor hott und hüh, ihr Rat verhallt, und man verwechselt sie, mit diesem aufgeblasenen Chor, der allzu gern sich tut hervor. Drum Spieler lasst euch nicht verdriessen, wenn diese Typen nach euch schrein, wer´s ehrlich meint und euch will raten, wird nach dem Spiele bei euch sein.“

 

 

Die Spielstätten von Rot-Weiß Scheeßel

 

Wohl fast jeder Scheeßeler weiß heute, wo die Firma NORIX ihre Betriebsstätten hat. Aber kaum noch jemand weiß, was sich genau auf diesem Gelände in den 20er Jahren abgespielt hat.

 

Es war ein „Rasenplatz“, besser gesagt eine Wiese, denn unter der Woche weideten dort Schafe und blökten sich an. Die Wiese gehörte Bauer Wahlers (Vahlder Weg) und wurde vom MTV Scheeßel genutzt. Zu den Spielen wurde dann kurzerhand etwas Kalk gestreut und somit das Spielfeld markiert. Die Tore waren damals schwarz und weiß quergestreift, ähnlich dem heutigen Absperrband an Baustellen.

 

Bei Heimspielen hinter der Bahn kamen unsere Spieler bereits umgezogen zum Spielfeld, denn Umkleidekabinen wie heute Gang und Gebe kannte man damals natürlich noch nicht. Die Gäste zogen sich in der Gaststätte Harries (heute Margs´s Molle) um und fuhren von dort aus hinter die Bahn. Es war das damalige Vereinslokal von Spiel und Sport.

 

Mitte der 20er Jahre, die „schlechte Zeit“ nach dem ersten Weltkrieg hielt immer noch an, begann dann der Bau des Sportplatzes hinter der heutigen Grundschule, damals Volksschule. Viele Vereinsmitglieder legten Hand mit an. Mit Pferdewagen wurde Sand vom Schulberg abgetragen; ehrenamtlich natürlich. Die Maschinefabrik Adolf Müller half mit Schienen und Loren aus, damit die Sandmengen bewegt werden konnten.

 

Immer wieder aber bekam der Verein nach Fertigstellung des Platzes Schwierigkeiten und Ärger mit dem Fußballverband. Leidiges Thema war jedes Mal die Ausmaße des Platzes. Dauernd wurden Verbesserungen vorgenommen, um den Anforderungen des Norddeutschen Sportverbandes nachzukommen. Jahrelang mussten die Fußballer um einen großen Felsen am Spielfeldrand herumspielen. Der Spielzweckverband und die Gemeinde Scheeßel waren finanziell nicht in der Lage Abhilfe zu schaffen.

 

Etliche Mitglieder und Freunde des Vereins können sich noch gut an die Schlachten auf dem Aschenplatz erinnern. Nach dem zweiten Weltkrieg war die schöne Zeit auf dem platz an der Schule dann erst einmal für zwei Jahre vorbei. Denn das Spielfeld war mit britischen Soldaten und deren Fahrzeugen belegt. Man musste ausweichen.

 

Doch es ging nicht zurück auf den alten Platz hinter der Bahn. Als Übergangslösung musste eine Weide bei der Scheeßeler Mühle herhalten. Ganz in der Nähe des heutigen Klärwerks. Dort trug man dann ca. 2 Jahre die Spiele aus, ehe man wieder zur Schule zurückkehrte. Sechs Monate brauchten die Vereinsmitglieder, um den Platz nach der Belagerung durch die Besatzer wieder herzurichten.

 

Tolle und spannende Spiele vor zum Teil riesigen Zuschauermengen fanden auf dem Aschenplatz statt. Unvergessen bleibt das Niedersachsenpokal-Endspiel gegen Göttingen 05 (1963). Doch bald schon reichte diese Spielstätte dem ständig wachsenden Verein nicht mehr aus. Besonders ist es wohl dem ehemaligen Vorsitzenden Walter Spiering zu verdanken, dass die Gemeinde das Stadion „Waidmannsruh“ erstellte; bis heute Domizil der Scheeßeler Fußballer.

 

Es wurde im Oktober 1965 eingeweiht. Auf dem Grandplatz trug der damalige Verbandsligist Rot-Weiß Scheeßel das Einweihungsspiel gegen den TSV Ottersberg aus. Der Grandplatz wurde mit der ersten Flutlichtanlage im Altbezirk Stade ausgestattet. Am 27. Mai 1967 wurde dann auch der Rasenplatz im Stadion Waidmannsruh eingeweiht.

 

Es war in Scheeßel das erste Spiel auf Rasen in der Geschichte von Rot-Weiß Scheeßel. Als Gegner war Holstein Kiel zu Gast (damals Regionalliga). Um die 2.000 Zuschauer waren bei diesem Spiel zu Gast. Mit dieser zur damaligen Zeit allen Anforderungen entsprechenden Anlage waren alle sporttreibenden Vereine in Scheeßel sehr gut bedient.

 

Am 2. Juni 1973 wurde das Sporthaus im Stadion „Waidmannsruh“ freigegeben. Aus diesem Anlass trat Rot-Weiß zu einem Freundschaftsspiel gegen eine Fohlen-Elf des Hamburger SV an. Durch Tore von Fitschen (2), Knittler, Schadel und Brunnemann gewann die Heimelf mit 5:2. Noch heute ist der Rasenplatz im Stadion der einzige in Scheeßel, den der Sportverein Rot-Weiß trotz einer ständig steigenden Zahl von Jugend- und Herrenmannschaften nutzen kann.

 

Tischtennis im Sportverein Rot-Weiß Scheeßel

 

Als sich der Verein nach dem Krieg neu organisierte und etablierte, wurde bei Rot-Weiß Scheeßel eine Tischtennisabteilung gegründet. Sie entstand im Jahre 1947 und machte sich in kurzer Zeit einen guten Namen. Erster Anlaufpunkt für die Tischtennisspieler war der Saal von Sülings Hotel. Dort standen 5 Platten, wo eifrig trainiert wurde.

 

Scheeßel wurde eine Hochburg im Kreis Rotenburg. Damals über-regional bekannte Spieler wie Eberhard und Reinhard Schöler kamen von hier. Reinhard Schöler schaffte es bis zur Nummer 10 der nationalen Rangliste. In einem Artikel der Rotenburger Kreiszeitung hieß es damals: „Der auftauchende Stern dieses Turniers dürfte der 17jährige Reinhard Schöler (Scheeßel) sein, der in der Männerklasse sich allen Konkurrenten klar überlegen zeigte und auch im Endspiel den routinierten Rotenburger Neudeck sicher in drei Sätzen auf den zweiten Platz verwies. Schöler berechtigt zu den besten Hoffnungen. Gelassen absolvierte er seine Partien und zeigte dabei ein Können, das alle Gegner überraschte.“

 

Mit 12 Jahren begann sein Bruder Eberhard mit dem Tischtennissport. Er war noch erfolgreicher. In seiner aktiven Zeit wurde er die Nr. 1 der nationalen Rangliste. International bekannt und gefürchtet machte er sich als Defensivkünstler einen Namen.

 

Danach verließ er den Tischtenniskreis und machte seine Karriere. Die Rot-Weißen Tischtennisspieler erzielten in den Folgejahren schöne Erfolge. Einige der erreichten Kreismeistertitel aus den ersten Jahren: Herren Einzel: Schöler (1948), Meyer (1951). Herren Doppel: Griguleit/Hinz (1949), Meyer/Hinz (1952). Damen Einzel: Diggins (1947), Süling (1948,1949), Krüger (1953). Damen Doppel: Diggins/Tegtmeyer (1947), Süling/Metzel (1948), Süling/Behrens (1950). Mixed: Süling/Meyer (1952).

 

Mindestens zwei mal richtete Rot-Weiß Scheeßel die Kreismeisterschaften im Tischtennis aus. Das war 1948 und 1954 in der neuen Turnhalle an der Grundschule. Auch bei Pokalturnieren waren die Rot-Weißen erfolgreich. In den Kreisauswahlteams waren sie ebenfalls oft vertreten.

 

Nicht mehr ganz nachzuvollziehen ist das Ende der Tischtennisabteilung von Rot-Weiß Scheeßel. In der Jahreshauptversammlung unseres Vereins im Jahre 1959 wurde bekannt, dass die Tischtennisabteilung ausgefallen sei. In der nächsten Versammlung am 27. Mai 1960 hieß es dann, „dass der Spielbetrieb der Tischtennisabteilung nur vorübergehend eingestellt wurde und jederzeit wieder aufgenommen werden könne.“ Dazu ist es aber wohl nicht mehr gekommen.

 

Die 50er Jahre – Das Leben normalisiert sich wieder

 

Nach Ende des Krieges organisierte sich der Verein neu. Die Menschen in Deutschland und auch in Scheeßel waren froh, dass die Kriegszeit vorbei war. Gerne unternahm man wieder etwas. Man trieb Sport, denn Vereinsleben brachte die Leute zueinander. Der spätere Ehrenvorsitzende Walter Spiering beschrieb es in einer Rede zum 50. Geburtstag von Rot-Weiß Scheeßel im Jahr 1970 so: „Neue Menschen kamen in dieser Zeit zum Verein, als Spieler und als Verantwortliche. Sie hatten entweder als Vertriebene und Flüchtlinge hier eine neue Heimat gefunden, oder waren auch als Besatzungssoldaten in der Umgebung stationiert. Sie alle wollten eine aufgerissene Kluft überbrücken helfen. Der Sportgeist und die Kameradschaft brachten alle einander näher und es gab keine Schwierigkeiten, diese neuen Menschen, die oft harte Schicksalsschläge erlitten hatten, in die große Familie des Sports einzureihen.“

 

Der Fußballsport begeisterte die Massen. Ein Beweis dafür war das Ausscheidungsspiel von Rot-Weiß Scheeßel zur Verbandsliga im Jahre 1950. Dieses Spiel auf dem Sandplatz an der Volksschule gegen die Spielvereinigung Rotenburg sahen sage und schreibe 7.000 Zuschauer. So viele, wie heute zum Teil nicht einmal zu Spielen der zweiten  Fußball-Bundesliga erscheinen. Das Freizeitverhalten hat sich unheimlich verändert. Heute werden ganz andere Maßstäbe gesetzt.

 

Einmaliges in den Generalversammlungen

 

Die ersten Jahreshauptversammlungen des Vereins in der 50er Jahren verliefen sehr interessant und gingen im nachhinein als Kuriosum in die Vereinsgeschichte ein. In der Versammlung am 24. März 1950 stellte sich der seit Kriegsende im Amt befindliche erste Vorsitzende Johann Neumann nicht wieder zur Wahl. Außer ihm wurden zur Wahl vorgeschlagen: Walter Spiering, Fritz Behrens, Johann Bassen, Heinrich Lubrich, Joachim Behrens und Harry Nerlich. Aber auch Spiering und Behrens lehnten die Wahl ab.

 

Bei der anschließenden Stimmabgabe entfielen auf Johann Bassen 26, auf Joachim Behrens 16, auf Lubrich 12 und auf Nerlich 2 Stimmen. Dadurch wurde eine Stichwahl zwischen Bassen und Behrens nötig, die Johann Bassen mit 37:19 Stimmen für sich entschied. Er nahm die Wahl zum ersten Vorsitzenden an.

 

Doch er blieb nicht lange in seinem Amt. In der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 20. Mai 1950, also nicht einmal zwei Monate später, legte er sein Amt wieder nieder. Er nannte seine Gründe, doch wurden diese nicht im Protokoll niedergeschrieben. Das führte dazu, dass bei der nächsten ordentlichen Hauptversammlung am 3. März 1951 das Protokoll nicht genehmigt wurde. Erstmals und einmalig in der Vereinsgeschichte. Als Grund gab man nachträglich „Arbeitsüberlastung“ an.

 

Ein neuer Vorsitzender musste her. Die Versammlung schlug Harry Nerlich und den alten „Vereinschef“ Johann Neumann vor. Die Wahl fiel auf Neumann, der den Posten annahm. Ein Jahr später übergab er diesen Posten an Walter Spiering, der somit seine 17jährige Amtszeit als Vereinsvorsitzender antrat.

 

Die sportlichen Erfolge in den 50ern

 

Nach dem Aufstieg in die Verbandsstaffel hielt sich unsere erste Mannschaft zunächst in der Klasse. 1954 stieg man dann aber in die Bezirksliga ab. Einige Spieler verließen den Verein. Der Spielbetrieb litt unter dem Turnhallenneubau an der Grundschule, weil der Platz verlegt werden musste und zum Teil vom Bau in Mitleidenschaft gezogen wurde. In der Saison 1956/57errang die erste Mannschaft den Meistertitel in der Bezirksliga, steigt aber nicht auf. Das ist erst 1959 soweit, als erneut die Meisterschaft gelang. Nun spielte man in der Amateurligastaffel. Die Altherrenmannschaft konnte sich in der Saison 1957/58 die Meisterschaft in ihrer Staffel sichern.

 

Kurioses aus der Jugendabteilung

 

Am 22. März 1953 schaffte die C-Jugend etwas Ungewöhnliches. Sie schlug in einem Trainingsspiel nämlich die älteren Spieler aus der B-Jugend mit 4:3.

 

Außerdem herrschten harte Sitten im Jugendbereich. Im Jahr zuvor musste der Spieler Bassen eine Spielsperre von sechs Wochen akzeptieren. Diese wurde nicht vom Sportgericht, sondern vom Trainer verhängt. Grund: Nichterscheinen zum Punktspiel.

 

Ein Novum gab es im Spiel der A-Jugend gegen den VfL Sittensen am 26. Dezember 1953. Es endete 2:0 für Sittensen. Das besondere an der Partie: Schiedsrichter Klüdmann aus Scheeßel ließ nur eine Halbzeit und ohne Seitenwechsel spielen. Dann beendete er das Spiel, angeblich weil die Zeit für die Partie zu kurz war. Waren es die Lichtverhältnisse, die dazu führten? Das ist nicht genau bekannt. Fest steht aber, dass die Aktion des Schiedsrichters vom Vorstand so angeordnet wurde.

 

Care-Paket mit Fußballschuhen

 

Heinz Harmsen war der erste Scheeßeler Fußballer mit Fußballschuhen aus Amerika. In einem Care-Paket Anfang der 50er Jahre von Fritz Elmers, der in den 20er Jahren neben anderen Scheeßelern auch nach Amerika ausgewandert war, fand er eine komplette Fußballausrüstung. Dazu gehörten u.a. auch Stutzen und Schienbeinschützer. Der absolute Hit waren aber die nagelneue Fußballschuhe, die er in dem Paket fand. Es war eine englische Marke. Das war einmalig in den Scheeßeler Fußballreihen. Heinz Harmsen, damals noch in der Knabenmannschaft, war verständlicher-weise stolz „wie Oskar“ und wurde von vielen seiner Kameraden beneidet.

Benefizspiel zugunsten des Deutschen Roten Kreuzes

 

Anfang der 50er Jahre veranstaltete der SV Rot-Weiß Scheeßel auf dem Sportplatz bei der Schule ein Benefizspiel zugunsten des DRK. Leider ist nicht mehr bekannt, für welchen genauen Zweck des DRK die Veranstaltung war. Es wurde dafür aber kein besonderer Gegner angeheuert. Im Gegenteil: Es spielten die Akteure der ersten und zweiten Mannschaft von Rot-Weiß.

 

Der besondere Clou an der Sache war, das sich sämtliche Spieler verkleiden mussten. Ein Team lief komplett als Frauen verkleidet auf. Und auch das Schiedsrichtergespann machte bei diesem Spaß mit. Der Schiedsrichter trat mit einer Trompete anstatt einer Pfeife auf, einer der Linienrichter trug einen Zylinder.

 

Der Riesenspaß begeisterte seinerzeit die zahlreich erschienenen Zuschauer. Ihr Eintrittsgeld wurde dem DRK zur weiteren Verwirklichung seiner Zwecke gespendet.

 

Werner Brase – ein Leben für den Fußballsport

 

Werner Brase wurde am 13. Mai 1923 in Scheeßel geboren. Schon in frühster Jugend galt sein besonderes Interesse dem Fußballsport. Am 16. Juni 1947 wurde Werner Brase Mitglied des SV Rot-Weiß Scheeßel und bereits 1953 als Geschäftsführer in den Vereinsvorstand berufen. Werner Brase, als aktiver Spieler in nahezu allen Mannschaften des Vereins eingesetzt, bewies seine Fähigkeiten für dieses Amt insbesondere auf organisatorischem Gebiet. Die Aufgaben wurden mit einem Engagement wahrgenommen, das als beispielhaft bezeichnet werden muss. Die größten Vereinserfolge während seiner Amtszeit: 1959 Aufstieg in die Amateurligastaffel, 1962 erneuter Aufstieg in die Amateurligastaffel, 1964 Aufstieg in die Verbandsliga Nord, nach freiwilligem Abstieg 1972 erneuter Aufstieg in die Verbandsliga Nord, 1963 und 1973 Teilnahme am Endspiel um den Niedersachsenpokal und Bezirkspokalsieger in den Jahren 1963, 1973 und 1974. Diese Erfolge sind insbesondere dem Wirken von Werner Brase zu verdanken.

 

Trotz seines umfangreichen Aufgabengebietes verlor Werner Brase nie den Kontakt zur Basis. Seine zweite Heimat waren die Fußball-stadien. Nicht nur, dass er die 1. Herrenmannschaft zu sämtlichen Spielen begleitete, auch den Reservemannschaften und besonders der Jugendabteilung galt sein Augenmerk. Neben diesem umfangreichen Aufgabenfeld fand Werner Brase noch die Zeit, sich im NFV  Kreis Rotenburg zu engagieren, so z.B. als langjähriges Mitglied im Spielausschuss sowie über 20 Jahre als Beisitzer des Kreissport-gerichtes. Im Jahre 1966 wurde ihm die silberne Ehrennadel des NFV Kreis Rotenburg verliehen.

 

Werner Brase verstarb nach schwerer Krankheit am 2. März 1976. Herbert Friese veröffentlichte posthum in der Rotenburger Kreiszeitung folgenden Artikel: „...Seine gesamte Freizeit gehörte dem Fußball. Halbheiten kannte er nicht. Seine Absichten und Ziele verfolgte er mit denkbar größter Konsequenz. Seine Dispositionen, sein Eifer und sein planvolles Vorgehen hat sich für den Verein im allgemeinen und für seine Mannschaften im besonderen äußerst positiv ausgewirkt. An der Entwicklung des Klubs und seinen zahlreichen sportlichen Erfolgen hat er zweifelsohne entscheidenden Anteil.

 

Der Verein ist Werner Brase für sein jahrzehntelanges Wirken zu großem Dank verpflichtet. Die Lücke, die durch sein Ableben im Vorstand entstanden ist, wird sich nur schwer schließen lassen. Der Verein wird ihm ein bleibendes Andenken bewahren.

 

Sehr geschätzt war die Mitarbeit von Werner Brase auch in den verantwortlichen Organen des Kreisfußballverbandes Rotenburg. In diesem Zusammenhang sei nur seine Tätigkeit im Kreisspielausschuss erwähnt. Sein fachliches Wissen und seine Erfahrungen kamen hier allen Fußballvereinen des Kreise zugute. Der Kreisfußballverband verliert in ihm einen seiner profilvollsten Mitarbeiter.“

 

Dieser Biographie in verkürzter Form ist nichts hinzuzufügen. Es sei lediglich noch erwähnt, dass der SV Rot-Weiß Scheeßel jahrelang am Neujahrstag in der Großturnhalle am Vareler Weg zur Erinnerung an seinem ehemaligen Geschäftsführer den „Werner Brase Gedächtnispokal“ in Form eines Hallenfußballturniers ausspielte.

 

Die 60er Jahre verändern einiges bei Rot-Weiß Scheeßel

 

Dieses Jahrzehnt wird vielen alten Kämpfern von Rot-Weiß wohl noch gut in Erinnerung geblieben sein. Denn es brachte viele Veränderungen und auch Erfolge mit sich. Das Jahrzehnt begann rabenschwarz für die Scheeßeler Fußballer. In der Rückrunde der Saison 1959/60 schaffte es die erste Mannschaft nicht, den drohenden Abstieg zu verhindern. Sie musste die Amateurliga verlassen und kickte fortan in der Bezirksliga. Besser machten es da die Reserve-mannschaften. Sowohl die zweite als auch die dritte Mannschaft kamen zu Meisterehren.

 

Der bisherige Trainer der Fußballabteilung, Willi Lubrich, legte nach dem Wiederaufstieg in die Amateurliga im Jahre 1962 sein Amt nieder. Nach dem Erringen der Meisterschaft in der Bezirksliga fand das Aufstiegsspiel zur Amateurliga in Osten statt. Dort gewannen die Rot-Weißen mit 4:1 und waren somit wieder in der Amateurliga vertreten. Nachfolger von Willi Lubrich wurde Otto Brinkmann. Im gleichen Jahr gelang der A-Jugend der Gewinn der Kreis- und Bezirksmeisterschaft.

 

Es folgte das wohl am meisten in Erinnerung gebliebene Jahr 1963 mit dem legendären Endspiel gegen Göttingen 05 um den Nieder-sachsenpokal, das knapp mit 1:2 verloren wurde. Aufgrund ihres guten Tabellenplatzes steigt die erste Mannschaft in die Verbandsliga auf. Die Alte Herrenmannschaft rundet mit der Meisterschaft ein sehr erfolgreiches Jahr für Rot-Weiß Scheeßel ab.

 

Im Jahr 1964 schrieb dann die A-Jugend Vereinsgeschichte. Sie drang, ohne das es jemand vor der Saison jemals erwartet hätte, bis in das Endspiel um die Landesmeisterschaft ein. Dort unterlag sie Arminia Hannover allerdings klar mit 0:8. Dank der Aktivitäten von Schiedsrichterobmann Werner Franz hatte Rot-Weiß Scheeßel keine Schiedsrichterprobleme mehr. Franz wurde sogar Kreisschiedsrichter-obmann. Auch die erste Mannschaft einen tollen Erfolg, denn aufgrund ihres guten Tabellenplatzes gelang ihr der Aufstieg in die Verbandsliga.

 

Mit der Einweihung des Stadions „Waidmannsruh“ im Oktober 1965 endete für Rot-Weiß Scheeßel die gute alte Zeit auf dem Platz an der Volksschule, der seit Mitte der 20er ihr Domizil war. Zur Einweihung des „Tennenplatzes“ spielte Scheeßel gegen Ottersberg. Fertiggestellt war das Stadion aber noch lange nicht. Der Rasenplatz war noch nicht angelegt und die Stadionhochbauten ebenfalls noch nicht da.

 

Erst im Mai 1967 spielten die Scheeßeler endlich auf Rasen. Zum Einweihungsspiel des Rasenplatzes wurde der Regionalligist Holstein Kiel eingeladen. Rund 2.000 Zuschauer verfolgten die Partie. Die sportlichen Erfolge auf der neuen Anlage blieben zunächst aus. Ob das an dem noch ungewohnten Rasenplatz lag?

 

Die nächste einschneidende Änderung für Rot-Weiß fand 1968 statt. Nicht im sportlichen, sondern im Vorstandsbereich. Walter Spiering trat nach 17 Jahren als erster Vorsitzender zurück. Ihm hatte Rot-Weiß sehr viel zu verdanken. An der Verwirklichung des Stadions Waidmannsruh war er maßgeblich beteiligt. Nach seinem Rücktritt wählte ihn die Jahreshauptversammlung zum Ehrenvorsitzenden.

 

Sein Nachfolger wurde Werner Franz. Sportliche Veränderungen hatte der Verein dann wieder 1969 zu verzeichnen. Freiwillig steigt die repräsentative Mannschaft aus der Verbandsliga in die Bezirksliga ab. Neuer Trainer wurde der spätere 1. Vorsitzende Ulrich Rother. Die A-Jugend erreichte den Bezirkspokalsieg.

 

Größter Erfolg für Rot-Weiß Scheeßel – Niedersachsenpokal 1963

 

Den aus sportlicher Sicht wohl interessantesten und größten Erfolg erlebte Rot-Weiß Scheeßel im Jahre 1963. Rund 2.000 Zuschauer waren Zeuge auf dem Sportplatz an der Grundschule, als Rot-Weiß im Endspiel um den Niedersachsenpokal gegen Göttingen 05 denkbar knapp mit 1:2 unterlag.

 

Die favorisierten Gäste aus Göttingen entschieden die Begegnung durch zwei Treffer im ersten Durchgang für sich. Die tapferen Scheeßeler waren aber ein fast gleichwertiger Gegner. Für unseren Amateurligisten war das Erreichen dieses Endspieles ein großer Erfolg. Dem Favoriten lieferten die Rot-Weißen vor allem im Mittelfeld einen großen Kampf, hatten zum Teil sogar klare Vorteile.

 

Göttingen aber nutze die Chancen entschlossener und war zweifellos vor dem gegnerischen Tor gefährlicher. Zudem gab die schnelle Führung aus der 13. Minute durch einen Schuss des Mittelstürmers Engelhardt den Gästen den nötigen Rückhalt. Was aber wäre passiert, wenn nicht Hartmann im eigenen Strafraum völlig unnötig in der 42. Minute ein Handspiel gemacht hätte? Den fälligen Strafstoß verwandelte erneut Engelhardt sicher.

 

Als dann Otten in der 77. Minute nach einem Kopfball von Grieb zum 1:2 verkürzte, hing der Sieg der Göttinger am seidenen Faden. Der aber hielt und so ging der Pokal nach Göttingen. Beide Mannschaften hatten keinen schwachen Punkt, aber auch keinen überragenden Spieler in ihren Reihen. Das Spiel war mustergültig fair. Aufgrund der größeren Routine haben die Gäste den Sieg zweifellos verdient.

 

Leicht aber wurde es ihnen von den eifrigen Scheeßelern nicht gemacht. Die Scheeßeler hatten sich ganz offensichtlich gut auf das Endspiel vorbereitet, sie hatten ebenso viele Torgelegenheiten wie Göttingen 05.

 

Für Scheeßel traten in diesem Finale an: Kröger, Hartmann, Lüdemann, Drescher, Albrecht, Brinkmann, Leippi, Grieb, Otten, Lessle und Meinken.

 

Ins Endspiel gelangte RW Scheeßel über die folgenden Stationen: 3:1-Sieg im Bezirkspokal-Endspiel gegen die Spvg. Rotenburg in Zeven. 4:2-Erfolg n.V. gegen Stern Emden in Emden in der 1. Runde des Niedersachsenpokals. 2:0-Sieg gegen Delmenhorst in der 2. Runde, dadurch Finalteilnahme.

 

Walter Spiering – eine Persönlichkeit nicht nur im Bereich des Sports

 

Walter Spiering war eine Persönlichkeit, die mit unermüdlichem Einsatz und Energie die Geschichte des SV Rot-Weiß Scheeßel, aber auch des Kreisfußballverbandes sowie des Kreis- und Bezirkssport-bundes in verantwortlichen Positionen entscheidend beeinflusst und geprägt hat.

 

Walter Spiering wurde am 19. Oktober 1907 in Borgholzhausen, Kreis Gütersloh, geboren und kam 1921 nach Scheeßel. Er absolvierte eine Ausbildung bei der Maschinenfabrik Müller und machte sich bereits 1953 selbständig mit einem Gewerbebetrieb für holzverarbeitende Maschinen.

 

Bereits 1925 wurde Spiering Mitglied des damaligen Fußballvereins „Spiel und Sport“ in Scheeßel. Nach dem 2. Weltkrieg wurde Walter Spiering in verschiedene Vorstandsfunktionen des SV Rot-Weiß Scheeßel berufen, bevor er 1951 zum Vorsitzenden gewählt wurde. Bis 1968 lenkte Walter Spiering die Geschicke des Vereins mit Weitsicht und Übersicht, nicht von ungefähr fallen viele der sportlichen Höhepunkte – Aufstieg in die Amateurliga, Aufstieg in die Verbandsliga, Endspiel um den Niedersachsenpokal – in die Amtszeit von Walter Spiering. Trotz stärkster beruflicher Belastung war Walter Spiering auch im Kreisfußballverband lange Jahre in leitenden Funktionen ehrenamtlich tätig, so u.a. seit 1946 als Beisitzer, von 1948 bis 1955 als stellvertretender Vorsitzender und in der Zeit von 1956 bis 1976 als Vorsitzender. Im Jahre 1979 wurde Walter Spiering zum Ehrenvorsitzenden des NFV Kreis Rotenburg ernannt.

 

Zahlreiche Ehrungen würdigten die beispiellosen Verdienste im Bereich des Fußballsports: 1962 NFV-Nadel, 1966 Ehrennadel in Silber und 1971 die Ehrennadel in Gold des NFV Kreis Rotenburg. Höhepunkt war die Verleihung der DFB-Ehrennadel im Jahre 1974.

 

Auch als Kommunalpolitiker, als Ratsherr und in der Zeit von 1972 bis 1976 als Bürgermeister der Gemeinde Scheeßel setzte sich Walter Spiering nachhaltig für die Belange der Sportler ein. Er hatte maßgeblichen Anteil am Bau des Sportstadions Waidmannsruh, zum damaligen Zeitpunkt eine Sportanlage mit Seltenheitswert.

 

Nach seinem Rücktritt als Vorsitzender im Jahre 1968 wurde Walter Spiering von der Generalversammlung zum Ehrenvorsitzenden des SV Rot-Weiß Scheeßel gewählt. Auch nach Niederlegung aller Funktionen nahm Walter Spiering weiterhin aktiv am sportlichen Zeitgeschehen teil. Er war immer ein gern gesehener Gast bei Sportveranstaltungen wie auch bei den alljährlichen Generalversamm-lungen; sein Rat war unverzichtbar.

 

Walter Spiering verstarb nach schwerer Krankheit am 1. Juli 1990. Sein Wirken für den Sport im allgemeinen und den Fußballsport im besonderen bleibt unvergessen.

 

A-Jugend wurde Bezirksjugendmeister und Vize-Landesjugendmeister

 

Ein Jahr nach dem größten Vereinserfolg im Herrenbereich schaffte die A-Jugend der Saison 1963/64 den bisher größten Erfolg unserer Jugend. Nachdem man das Hinspiel um die Bezirksmeisterschaft gegen den VfL Stade bereits klar mit 4:0 für sich entschieden hatte, gewannen die Kicker von Trainer Trochelmann auch das Rückspiel am 3. Mai 1964 mit 4:2. Vierfacher Torschütze in diesem Spiel war Hans Günther Otte. Damit hatten die Kicker den begehrten Titel des Bezirksjugendmeisters in der Tasche und somit die Berechtigung, an der Landesmeisterschaft teilzunehmen.

 

In der ersten Runde schlugen die Rot-Weißen die Elf aus Twistringen mit 4:1. Das zu Beginn der Saison nicht für möglich gehaltene war damit eingetroffen: Das Endspiel um die Landesmeisterschaft war erreicht. Unmittelbar vor dem Finale trat die A-Jugend eine 12-tägige Österreichfahrt nach Linz an. Das Endspiel war terminlich nicht mehr zu verschieben. Es fand gleich nach der Fahrt statt. Die Strapazen steckten den Jugendlichen noch in den Knochen und so ging das Spiel gegen Arminia Hannover klar mit 0:8 verloren. Dennoch war es ein riesengroßer Erfolg.

 

Werner Franz – Jugendleiter, Schiedsrichterobmann, Vorsitzender

 

Zu den bekanntesten Schiedsrichtern unseres Fußballkreises zählte 1966 Werner Franz von unserem Verein. An jedem Wochenende war er unterwegs, um ein oder auch mehrere Fußballspiele über die Runden zu bringen. Das Regelwerk des DFB auf dem Platz durchzusetzen war seine große Leidenschaft. Nachdem er bei Rot-Weiß das Schiedsrichterwesen in die Hand nahm, kannte man hier kein Mangel an Schiedsrichtern mehr. Von 1964 an war Franz dann sogar Kreisschiedsrichterobmann im Fußballkreis Rotenburg.

 

Zudem war Werner Franz lange Zeit Jugendwart. Im Jahre 1968 übernahm er dann sogar das Amt des ersten Vorsitzenden von Rot-Weiß Scheeßel von seinem Vorgänger Walter Spiering, der aus zeitlichen und gesundheitlichen Gründen zurücktrat. Diese Position hatte er bis zu seinem vorzeitigen Rücktritt 1974 inne. In einer außerordentlichen Jahreshauptversammlung wurde Ulrich Rother dann zu seinem Nachfolger gewählt. In die Amtszeit von Werner Franz als Vorsitzender fielen der freiwillige Abstieg aus der Verbandsliga (1969), der Wiederaufstieg in die Verbandsliga (1972) und eine erneute Teilnahme am Endspiel um den Niedersachsenpokal.